Mein olympischer Winter in Nagano/Japan 1998

11/02/2018

 

 

Ja, heute gibt's mal einen etwas anderen Blogeintrag. Ich erzähle dir ein bisschen von meiner Zeit in Japan, speziell vom Winter 1997/98. Da habe ich eine Wintersaison in Nagano im Skigebiet, in einem Hotel, gearbeitet. Und das während der Olympischen Spiele. Wenn du jetzt denkst, ich wäre die ganze Zeit mitten im olympischen Ramba Zamba unterwegs gewesen, muss ich dich enttäuschen. Ein tolles Erlebnis war's trotzdem. Aber der Reihe nach....

 

 

Japan 1997

1997 haben ich, mit 21 Jahren, zum ersten Mal japanischen Boden betreten und zwar auf einer aufgeschütteten Insel, dem Flughafen von Osaka. Was für ein Land der Gegensätze. Super modern und doch sehr traditionell, Tempel neben Hochhaus, Kimono neben blondierten Gestalten in total ausgeflippter Mode, riesige Städte und um die Ecke traditionelle Dörfer, Meer, Berge, Strände, Wälder, Städte, einfach wunderbar.

 

 

Nagano

Nach ein paar Monaten in Hiro, einem Vorort von Hiroshima ging's mit dem Shinkansen nach Nagoya und von dort aus, mit dem regionalen Zug, weiter nach Nagano. Genauer gesagt, nach Sanada, die Schwesterstadt von meiner Heimatgemeinde Davos. In Ueda wurde ich von Junichi Watanabe von der Gemeinde Sanada abgeholt und gleich mal ins Rathaus gebracht, wo mich der Bürgermeister offiziell begrüsst hat. Was für ein toller Empfang. Dann ging's aber noch den Berg hoch ins Skigebiet Sugadaira auch "Japan Davos" genannt, wo mir das Hotel Shirakabaso eine Saisonstelle im Restaurant angeboten hat. Visum? Nein, das hatte ich leider nicht, also musste ich halt "schwarz" arbeiten, mein Arbeitsvisum wurde tatsächlich im letzten Moment abgelehnt....aber pssst, nicht weitersagen, lach. Mein Boss, auch "Chief" genannt hat die Verantwortung für mich übernommen.

 

 

Hotel Shirakabaso

Ja und da war ich nun. Das Hotel Shirakabaso ist ein Familienbetrieb, bestehend aus 3 Brüdern und ihren Familien. "Chief" und seine Familie waren zuständig für das Restaurant, ein anderer Bruder für den Hotelbetrieb und der dritte Bruder hatte die Gesamtleitung und war noch zuständig für den kleinen Skibetrieb gegenüber vom Hotel. Mich steckte man ins Restaurant. Zusammen mit "Chief", seinen Söhnen, ein paar für die Saison angestellten JapanerInnen, mit Tokiyo (sie sprach Englisch und lebte den Sommer über jeweils in Neuseeland), ihrem damaligen Freund und mit Karen aus Neuseeland arbeitete ich im Service. In der Küche war die Familie am Werk, zusammen mit Daniel aus Neuseeland. Das fand ich toll, dass es im Hotel auch "Kiwis" gab, so konnte man ab und zu auch Englisch sprechen. Zwei weitere "Kiwis" waren im Skigebiet tätig. Gelebt haben wir im untersten Geschoss des Hotels, da unten war's recht stickig und eng. Auf der einen Seite des Ganges bewohnten wir winzige Zimmerchen und auf der anderen Seite konnten wir die Wäsche aufhängen. Ganz hinten im Gang gab es zwei WC's und auf der anderen Seite eine Waschmaschine und einen Tumbler. Irgend wie war's da unten immer chaotisch, aber wir hatten eine tolle Zeit zusammen. Die meiste Zeit haben wir eh gearbeitet. 

 

 

Meine Arbeit im Hotel

Eine Schicht dauerte 12 Stunden. Entweder von 7:00 bis 19:00 Uhr oder von 12:00 bis 24:00 Uhr. Während der Arbeit hatten wir jeweils 20min Zeit für die Mahlzeiten, welche inbegriffen waren. Gleich hinter der Küche gab es ein Esszimmer, wo wir uns bedienen konnten. 20min.... schnell nach hinten sausen, Essen fassen, essen, Geschirr abwaschen und wieder nach vorne sausen. So ging das zu und her. Ich fand's toll, obwohl ich mir regelmässig den Mund verbrannt habe. 

 

Mich haben Sie schnell mal in die Spätschicht eingeteilt und am Abend wurde ich hinter die Bar gestellt. Die Einheimischen waren nämlich extrem erfreut über meine Gegenwart. Unsere japanische Schwesterstadt ist nämlich wirklich ein riesiger Davos Fan. Viele Hotels und Skipisten enthalten im Namen "Davos" und das Logo "meines" Hotels war der "Tannenmann" von einem alten Davoser Plakat. Ich schaue gleich mal, ob ich ein Foto davon finde. Auch auf den Souvenirs im Hotelshop stand der Name Davos. Einige Einheimische waren damals im 1976 bei der Verschwesterung von Davos und Sanada dabei. Andere wiederum waren bereits ein oder mehrere Male in Davos als Skilehrer tätig und so war ich eine Sensation "in Town" und die Einheimischen pilgerten in den ersten Wochen geradezu ins Hotel an die Bar um mit mir reden zu können. Wobei man mit mir, in dieser Zeit, noch nicht all zu viel in Japanisch besprechen konnte, lach. Aber auch das wurde mit der Zeit immer besser. Auf jeden Fall war die Liebe der Einheimischen zu Davos so richtig rührend und ich habe mich immer wieder fast geschämt dafür wie wenig wir Davoser doch über unsere Schwesterstadt wussten und mitbekommen haben. 

 

Sugadaira liegt auf einem Plateau auch auf ca. 1500 MüM, wie Davos....aus verschiedenen Gründen wurde Sugadaira (das zu Sanada gehört) immer wieder mit Davos in Verbindung gebracht und heute nennt man es "Nippon Davos", also "das japanische Davos". Es gibt unzählige Hotels und Skipisten. Unterdessen hat Sanada, und somit auch Sugadaira, mit der Stadt Ueda fusioniert. Wenn du mehr über dieses Gebiet erfahren möchtest, hier geht's zur offiziellen Webseite....in Englisch.

 

 

Der Kampf mit der Schrift

Aber nun zurück zu meiner Zeit im Hotel. In Hiroshima hatte ich bereits fleissig Hiragana gelernt, eines der 3 japanischen Alphabete. Leider hat sich im Hotel dann herausgestellt, dass ich Katakana, hätte lernen müssen. Janu, ich habe das schnell nachgeholt und war eigentlich ganz

froh, dass ich somit bereits 2 Alphabete (mit je ca. 50 Buchstaben) lesen und schreiben konnte....Kanji, die chinesischen Buchstaben lagen noch vor mir, seufz.

 

Bei uns im Restaurant ging das so. Die Gäste haben sich einen Tisch ausgesucht und die Speisekarte studiert. Dann gingen Sie an die Kasse haben bezahlt, was sie essen und trinken wollten und haben entsprechende Zettelchen erhalten. Wir, vom Service, gingen an Ihren Tisch, haben Wasser gebracht und die Zettelchen eingesammelt. Danach ging's an die Bar und/oder zum Küchentresen, legten die Zettelchen hin und riefen der Barperson oder den Leuten in der Küche zu, was wir bestellen wollten. Dazu mussten wir Katakana lesen können. 

 

 

Mein VIP Status

Wenn ich nicht gerade gearbeitet habe, was nicht oft vorkam, ging's mit meinen Carving Skis oder mit dem Snowboard auf die Skipiste. Ich habe als erste Person überhaupt in Sanada/Sugadaira, einen VIP Skipass bekommen. Man hat den irgend wie für mich erfunden, hatte ich das Gefühl. Die Angestellten an den Liften waren am Anfang recht eingeschüchtert von dieser Europäerin mit den langen blonden Haaren, den grossen hellen Augen und dem VIP Skipass, die wie eine Verrückte den Hang runter gecarved ist, lach. Aber schnell einmal haben sich alle an mich gewöhnt und Freundschaften sind entstanden. Mir war dieses Aufheben um meine Person manchmal nicht so recht, aber irgend wie war's auch rührend. 

 

 

Olympische Spiele Nagano 1998 

Und dann waren da eben die Olympischen Spiele. Bei uns in Sugadaira hat man, ehrlich gesagt, nicht viel von Olympia mitbekommen. Aber wir hatten auch Internationale Gäste, vor allem im Hotel drüben....BetreuerInnen, Therapeuten und Begleitpersonen. 

 

 

Mein Highlight war der Besuch einer Delegation aus Davos. Sanada hatte zu den Olympischen Spielen eine Gruppe Davoser SchülerInnen, einen Lehrer und eine Lehrerin, ein paar lokale PolitikerInnen und den Landschreiber eingeladen.

 

Und ich durfte die Delegation begleiten, das war wunderschön. Seitens der Politiker war mein Vater mit dabei, natürlich das Schönste überhaupt für mich. Nach all den Monaten in Japan, wieder einmal Familie zu treffen und zu sprechen, wie mir der Schnabel gewachsen war. Einfach wunderschön. "Chief" hat mir für diese Zeit frei gegeben, das war ein Geschenk an mich und meinen Vater. Er hat mir immer gesagt, dass er mein "Nihon Papa" sei, also mein "Japan Papa". Das hat er dann auch meinem Vater immer wieder versichert. Was für eine schöne und spezielle Zeit. Ich durfte die Delegation auch nach Hakuba an die Abfahrt der Männer begleiten. Das war das Rennen, bei dem Herrmann Meier, der Favorit, im hohen Bogen von der Piste gespickt ist.

 

Leider waren zwei der Schulmädchen krank (Magen-Darm-Grippe, bäh...) und ich sass mehr oder weniger den ganzen Tag im Samariterzelt mit ihnen. Janu, es war trotzdem toll, die Stimmung mitzuerleben und mal richtig bei Olympia mit dabei zu sein. Den nächsten Tag verbrachten die LehrerInnen und die SchülerInnen mit den SchülerInnen von Sanada und ich durfte mit dem Rest nach Nagano City (das Gebiet, quasi der Kanton heisst auch Nagano, genau so wie die Hauptstadt). Obwohl ich schon öfters (vom Hotel aus in 45min mit dem Hotelbüsli erreichbar) in Nagano City war, war die Stimmung während der Olympiade schon sehr speziell und wir haben einen tollen Tag verbracht. Gegessen haben wir in einem Tempel, sehr traditionell und am Boden sitzend, was für einige doch eine recht grosse Herausforderung war. Vor allem für unseren lieben Landschreiber Kari Mattli (selig), der grosse Probleme mit seiner Hüfte hatte. Aber wir hatten's einfach so lustig zusammen mit den Gemeindevertretern von Sanada. Das waren meine zwei Tage bei Olympia... . Wow, das ist also bereits 20 Jahre her, unglaublich.

 

 

Neues Visum

Aber alles hat ein Ende, nach dieser schönen Zeit mit der Davoser Delegation, hiess es Abschied nehmen. Ich habe sie noch bis Tokyo begleitet.

 

Es war nicht einfach, meinen Vater wieder ziehen zu lassen, aber einen Monat später stand das nächste Highlight auf dem Program. Da mein bereits verlängertes Touristen Visum schon wieder ablief, musste ich Ende März 1998 Japan verlassen und so habe ich eine Woche Guam gebucht. Guam ist gehört zu den USA und befindet sich auf der Inselgruppe "Mikronesien" im westlichen, Pazifischen Ozean. Der Flug dauerte ca. 4h und es war einfach ein super tolles Erlebnis. Einfach mal für eine Woche nach "Amerika" fliegen die Sonne und den Strand und westliches Essen geniessen. Das hat richtig gut getan und siehe da, ich habe bei der Einreise nach Japan sogar nochmals ein Touristen Visum erhalten, uff, die Erleichterung war gross! 

 

 

Leben im Hotel

Apropos Essen, ich habe die japanische Küche vom ersten Tag an geliebt und es ist heute noch mein Lieblingsessen! Irgend wie hat mir das Essen, aber auch die Kultur Japans von Anfang an sehr zugesagt und die Einheimischen meinten immer wieder, ich sei mehr Japanerin alle viele Japaner. Im Hotel gab es zum Frühstück immer frischen Reis, Nori (Algen), Natto (fermentierte Sojabohnen), Miso-Suppe und Fisch oder sonst irgend was und ich habe gegessen wie ein Fürst. Neben mir haben die jungen JapanerInnen ihre Toasts und Eier gegessen. Das war schon irgend wie eine verkehrte Welt. Aber ich habe es geliebt. Die lieben einheimischen Frauen oder fast eher Grossmütter, haben sich wunderbar um mich gekümmert. 

 

Ab und zu ging's, wie gesagt, mit dem Hotelbüsli nach Nagano City oder nach Ueda, wo wir Sushi essen, ins Kino oder Bowling spielen gegangen sind. Wir waren ein internationaler Haufen junger Menschen (im Hotel arbeiteten noch ein paar BolivianerInnen), der viel Spass zusammen hatte, aber wir haben auch geschuftet wie die Pferde. Die Schichten waren super lang und das Restaurant war bis nach Tokyo bekannt für seine teilweise russischen Gerichte (Pilaw, Shashlikspiessli....). Ein Verwandter von "Chief" betrieb in Tokyo ein Russischrestaurant. Das kam wohl daher. Aber auch sonst war unser Restaurant bekannt. "Chief" hat den Kaffee selber geröstet, das hat immer so fein geduftet. Das Teil zum Rösten stand ganz hinten im Restaurant. Aber in dem Winter hat er mindestens 2x eine Röstung vergessen, ui, dann war das Restaurant voller Rauch und die Hölle war los. "Chief" war ein wahnsinnig lieber Mensch, aber wenn er wütend war.....uiuiui!

 

In der Küche, aber auch an der Bar, wurde alles selber gemacht. Wir haben zwei verschiedene Sorten "Konfi mit Alkohol" selber gemacht, einmal Erdbeere und einmal Aprikose, welche man ins Glas gegeben und mit heissem Wasser oder Tee aufgeschüttet hat. Das war der so genannte "Russia Tea". Der war echt lecker und sehr beliebt. Es gab auch "heisse Schoggi" dazu haben wir Schokolade geschmolzen und mit Milch angerührt. Auch den Eistee haben wir selber gemacht. Der Aufwand war riesig, aber es hat Spass gemacht, nicht einfach Fertigsachen auszuschenken. Ich fand es toll, hinter der Bar zu arbeiten, obwohl es extrem stressig war. Das Restaurant war jeden Mittag für ein paar Stunden übervoll, die Menschen standen Schlange. Aber wir waren ein tolles Team und haben das zusammen geschafft. Am Abend sassen wir oft in einem der Zimmer und haben irgend ein Brettspiel gespielt oder wir standen in dem engen Gang oder in der Waschküche und hatten's lustig zusammen. 

 

Wir durften auch das hoteleigene Bad benutzen, aber nur wenn's keine Hotelgäste hatte, also vor allem am Vormittag oder nach dem Mittag. In Japan wird traditionell jeden Abend heiss gebadet und praktisch jedes Hotel hat so ein Bad. Männlein und Weiblein getrennt, weil man in Japan nackt badet. Man setzt sich auf einen Hocker vor einen Waschplatz. Dann nimmt man sich ein Becken, die stehen da so rum, füllt das Becken mit Wasser und "duscht" sich, in dem man das Wasser über sich leert. Danach wird eine Runde eingeseift und dann wieder alles abgespült. Wenn man sauber ist, begibt man sich ins heisse Badewasser. Mir war's ab und zu einfach viel zu heiss und so habe ich mich einfach am Waschplatz "geduscht". Es war immer so schön warm in dem Raum. Die Räume in Japan werden nicht gross geheizt, so habe ich als Gfrörli den Baderaum umso mehr genossen.

 

 

 

Sayonara Nippon

Ja und so war die Wintersaison schnell vorbei. Im April haben wir noch das ganze Restaurant und Hotel zusammen geputzt und danach ging's zurück nach Hiroshima und ein paar Wochen später in die Schweiz für 3 Monate Geld verdienen. Im September 1998 flog ich zurück nach Japan, dieses Mal nach Nagoya, wo ich für 1 Jahr eine Japanisch Schule besucht habe....irgendwann musste ich ja auch noch diese Kanji's lernen, seufz, lach! 

 

Ich hoffe, dieser kurze Einblick in mein Leben in Nagano hat dir gefallen. Die Foto's sind leider nicht von sehr guter Qualität, aber im 1998 hatten wir noch keine Handys und schon gar keine Smartphones, Email kam erst auf, aber eine Email Adresse hatte ich erst ab September 1998, meine Freundinnen aber erst später. Meine Mama hat tausende von Franken für Telefongespräche mit mir ausgegeben.  

 

Es gäbe noch soooooo viel zu meiner Japanzeit zu erzählen. Die Zeit in Nagano war wohl die unbeschwerteste Zeit, die ich in diesem faszinierenden Land verbracht habe....ich habe sie so richtig genossen. Auch "Chief" und seine Familie, die lieben Frauen aus der Küche, die Gemeindevertreter (vor allem Junichi Watanabe) und meine MitarbeiterInnen vom Service werde ich nie vergessen. Ich war danach noch ein paar Mal in Ueda/Sanada/Sugadaira und habe "meine Familie" und Freunde besucht!

 

Nun wünsche ich dir noch einen gemütlichen Sonntagabend und schicke dir liebe Grüsse.

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